RELEASE ME!
von Inge Herold, 24.5.2004
Essen dient zuallererst der lebenserhaltenden Nahrungsaufnahme. Ohne Essen verhungern, sterben wir. Über diese rein körperliche Funktion hinaus hat Essen eine soziokulturelle Dimension, die übergreift sowohl in den sakralen als auch in den juristischen Bereich. Das gemeinsame Mahl im Familien- oder Freundeskreis, ob Zuhause oder im Restaurant, ist ein Zeichen von Gemeinschaft, von Kultur, es steht für Genuss und Sinnenfreude. Das gesellige Mahl löst nach uralter Erfahrung Spannungen und hält die menschliche Gemeinschaft zusammen.
Im sakralen Bereich hat das Abendmahl eine zentrale Stellung in der Liturgie. Es geht zurück auf das letzte Mahl Jesu mit seinen Jüngern vor seiner Gefangennahme und Kreuzigung. Jesus nahm das Brot, dankte Gott, brach es und gab es seinen Jüngern mit den Worten: "Nehmt und esst, das ist mein Leib. Ich sterbe für Euch. Eure Schuld ist Euch vergeben. Denkt an mich und feiert das Abendmahl."
Wenige Tatsachen des Rechtslebens wurden in vergangenen Jahrhunderten ohne Mahl oder Trunk als symbolische Bekräftigung beim Abschluss von Rechtsakten besiegelt. Mit einer Ausnahme hat sich dies in unserer Zeit geändert, wie Hans von Hentig bereits 1958 feststellte: "Fast alle Gelage sind, wenn man vom Abschluß internationaler Verträge absieht, aus dem Rechtsleben verschwunden. Geblieben ist das Henkersmahl, obschon der menschliche Kreis sich auf den armen Sünder verengert hat, der einstmals viel größer und bunter war... Der Lebenskraft dieses Brauches müssen Vorstellungen von so elementarer Stärke zugrunde liegen, dass die Menschheit, vernünftig und fortgeschritten, wie sie zu sein glaubt, sie nicht hat abschütteln können."
Das Henkersmahl ist ein archaischer Brauch innerhalb eines archaischen Rechtssystems. In den europäischen Ländern wurde die Todesstrafe, seit kurzem auch in der Türkei, zwar abgeschafft. Trotzdem flammen immer wieder hitzige Diskussionen über eine Wiedereinführung auf, vor allem im Zusammenhang mit Sexualverbrechen. Gegenwärtig ist nach Angaben von Amnesty International die Todesstrafe in 112 Ländern de jure oder de facto abgeschafft - in 76 ist sie per Gesetz verboten, in 15 Ländern ist sie mit Ausnahmen (z. B. bei Kriegsverbrechen) ausgesetzt, in 21 Ländern wurde seit 10 Jahren kein Todesurteil mehr vollstreckt. Anwendung findet die Todesstrafe noch in 83 Ländern, u.a . in den USA, in zahlreichen afrikanischen Staaten sowie in asiatischen Ländern wie China und Japan. Circa 90% von weltweit 3.048 Hinrichtungen pro Jahr entfielen 2001 auf nur vier Staaten: China mit 2468 Hinrichtungen (geschätzte Zahl, da offiziell von China nie bekannt gegeben), gefolgt von Iran (139), Saudi-Arabien (79) und den USA (66).
Während einer kurzen, nur vier Jahre dauernden liberalen Phase zwischen 1972 und 1976 schaffte man die Todesstrafe in den USA ab, doch seit 1976 haben 38 amerikanische Bundesstaaten das capital punishment wieder eingeführt.
Seit der Wiedereinführung konnte im US-Bundesstaat Illinois bei mehr zum Tod Verurteilten die Unschuld bewiesen werden als Straftäter hingerichtet wurden. Die Regierung des Staates nahm diese Zahlen zum Anlass die Todesstrafe abzuschaffen, um weiteren Fehlurteilen vorzubeugen.
Vor einiger Zeit hatte das Texas Department of Criminal Justice - Texas steht auf der Liste der vollzogenen Todesurteile übrigens ganz oben - von sich reden gemacht, als es die Liste der seit 1982 hingerichteten Straftäter ins Internet stellte. Bis zum 26.3.2003 umfasste die Liste 301 Männer und Frauen. Neben Namen, Nummer, Hinrichtungsdatum und einer "offender information", die die Personalien, Foto und Straftat aufführt, wurde hier auch das "final meal request" aufgelistet: der Wunsch des letzten Mahles vor dem Tod, der sich neutral betrachtet liest wie die Bestellung in einem Restaurant. Mittlerweile wurde die Website des TDCJ modernisiert, die Rubrik der "final meals" ist nach dem Vorwurf, sie sei geschmacklos und zynisch, verschwunden. Nun erscheinen stattdessen die "last statements" der Hingerichteten.
Gerade der Brauch der Henkersmahlzeit übt allerdings offenbar eine besondere Faszination auf die Menschen aus. Publikationen wie „Last Suppers: Famous Final meals from Death Row“, 2001 veröffentlicht von Ty Treadwell und Michelle Vernon, oder "Meals to die for", verfasst 2004 von Brian Price, dem Gefängnis-Chef-Koch für Henkersmahlzeiten im US-Staat Texas, tragen dieser Faszination des Makabren Rechnung.
Barbara Caveng stieß im Jahre 2000 über einen Umweg auf das Thema „final meal“. ..." die Idee entwickelte sich direkt aus dem Vorgängerprojekt ‚...waltigt wald’, welches sich mit der Thematik von Kindern als Opfer und Täter befasst“, so die Künstlerin. „Das war 99... Die Beschäftigung mit den toten Kindern brachte es mit sich, dass ich anfing, mich mit Täterbiographien auseinander zu setzen. Da es in den USA bei der Verbrechensaufklärung verbreitet ist, zu versuchen ein möglichst genaues psychologisches Profil des Täters zu erstellen, wurde ich in einem amerikanischen Strafprozessbuch unerwartet mit einem ‚final meal’ konfrontiert. Ich erinnere mich, dass ich erst mal nicht verstand, was eine Speisekarte in einem Prozessbuch zu suchen hat. Bis ich erkannte, um welche Art Mahlzeit es sich dabei handelte."
Diesen Moment der Überraschung setzt Barbara Caveng auch in ihrer Installation "final meals" ein, die sie 2000 erstmals im Rahmen des 4. Festivals für junge experimentelle Kunst im ehemaligen Postfuhramt Berlin-Mitte realisierte. Der Betrachter sieht sich in der Mannheimer Installation – nachdem er um eine Wand mit dem Neon-Schriftzug „Release me“ herumgegangen ist – 15 Leuchtkästen gegenüber, auf denen unterschiedliche Mahlzeiten arrangiert sind: Mal üppig in Art eines Menüs mit Vor-, Haupt- und Nachspeise, mal frugal, beschränkt auf einen einzigen Apfel, eine Schale Joghurt, einen Hamburger. Das Mahl ist offensichtlich stets nur für eine Person gedacht. Speisen und Geschirr sind jeweils übersichtlich, geradezu akkurat angeordnet. Alles wirkt extrem künstlich und sorgfältig zubereitet und dennoch kann man nicht behaupten, die Darstellungen regten den Appetit an. Beim Anblick der Speisen wird keineswegs die Lust zum Essen geweckt: Es ist alles ein wenig zu perfekt und gleichzeitig zu schrill. Das verwendete Geschirr, das Design der Tischdecken ist spießig, zum Teil geschmacklos oder billig. Die Farben sind extrem knallig und bunt. Diese artifiziellen Stillleben erinnern an 60er Jahre-Kochbücher, aber auch an Werbetafeln von Fastfood-Ketten.
Für welchen Zweck diese Mahlzeiten wirklich kreiert wurden – Barbara Caveng hat die Speisen zubereitet, arrangiert und schließlich fotografieren lassen – , wird dem Betrachter erst klar, wenn er die im Leuchtkasten versenkten Infotafeln herauszieht, auf denen die sogenannte "offender informations" zu lesen sind.
Und dann würgt es einen fast. Es fällt schwer, sich in die Rolle des Verurteilten hineinzuversetzen, doch man fragt sich schockiert, ob und wie man mit der Aussicht auf den bevorstehenden Tod noch etwas essen kann. Dieser Schock war letztlich auch der Ausgangspunkt für Cavengs Beschäftigung mit dem Thema.
"Der Auslöser für ‚final meals’“, stellt die Künstlerin fest, "war genau dieser Schock des Nichtverstehens. Die Tatsache, dass man als vermeintlich humanistische Geste einem Menschen vor der Exekution noch ein Essen nach freier Wahl anbietet. Allerdings gibt es dabei ein preisliches Limit von 50$. Mein Interesse konzentrierte sich auf diesen Moment, dass ein Mensch per brieflicher Ankündigung sein Todesdatum kennt und ca. 8 Stunden vor Hinrichtung noch etwas essen soll, darf. Die moderne Form der Hinrichtung ist der einzige Fall, zumindest, den ich kenne, der den Schicksalsmoment des Todes in einen Termin umwandelt. So was gibt's ja nicht mal in der griechischen Tragödie. Meine Frage war, wie geht ein Mensch mit dieser ‚Option’ um? Warum isst er (oder auch nicht), was steckt dahinter, wenn er seine Mahlzeit definiert, welche Bedeutung kann essen in einem solchen Moment haben."
Und tatsächlich gibt es eine Aufnahme, die die bloße Tischdecke zeigt: Betty Lou Beets, grimmig in die Kamera schauend, verurteilt wegen des Mordes an ihrem vierten und fünften Ehemann, hatte keinen letzten Wunsch. Sie empfand wohl die absurde Sinnlosigkeit und verweigerte den Vollstreckern der Justiz die Erfüllung dieses symbolisch so wichtigen letzten Wunsches.
Der Jurist Hans von Hentig kommt zu dem Schluss, dass keineswegs die Sorge um das Wohl des Delinquenten, dem man eine letzte Gunst erweisen will, im Vordergrund steht. Verweigert ein Verurteilter die letzte Mahlzeit, beunruhigt dies in hohem Maße die Gefängnisleitung bzw. die Justiz. "Doch was macht den hungernden Körper des Delinquenten so bedrohlich? Er schließt keinen Frieden mit seinen Richtern, verweigert die Unterzeichnung des eigenen Urteils... In solchen Momenten wird deutlich, dass das Ritual der Henkersmahlzeit keineswegs ein kurzes, großmütiges Ausscheren auf dem Weg zur Hinrichtung ist, sondern elementare Bedingung ihres reibungslosen Ablaufs. Denn durch Bestellung und Verzehr seiner Lieblingsspeise signalisiert der Delinquent sein Einverständnis mit dem Kommenden; er spielt gewissermaßen mit und autorisiert seinen bevorstehenden Tod."
Ihren Ursprung hat die Tradition der Henkersmahlzeit offenbar in einer alten, großen Furcht vor dem Fortleben der Toten. Sie müssen besänftigt und zufriedengestellt werden, damit sie nicht ruhelos umhergehen und Rache nehmen. Man muss sie versöhnen, dadurch wird ihnen die "grimme Laune und die Macht des Schadens" genommen..."Mahl und Trunk gehören also zur ‚glücklichen’ Hinrichtung und zum christlichen Tode, wie die Bereitschaft, zu sterben, das Geschick des Scharfrichters und die Versicherung des armen Sünders, dass er niemand grolle. Wenn der ‚Arme Mensch’ sich sträubt, kommt Mißklang in die Erbaulichkeit der Prozedur...
Man sucht zu erreichen, dass der Delinquent "willig" stirbt, dass er um Verzeihung bittet, in gleichem Atem aber auch den Umstehenden verzeiht."
Diese Bemühungen um "Versöhnung" zeigen, dass die Vollstrecker der Todesstrafe sich ihrer Schuld, ihres Verstoßes gegen das 6. Gebot bewusst sind und auf Vergebung dieser Schuld hoffen. Barbara Caveng enthüllt mit ihrer Arbeit die Scheinheiligkeit dieses Brauchs.
Aus ca. 250 "final meal requests" hat Barbara Caveng eine Auswahl getroffen. Dabei ging sie primär von der gewünschten Mahlzeit aus, Geschlecht, Rasse und Herkunft des Todeskandidaten sowie die Art des Verbrechens spielten keine Rolle. "Die Auswahl ist insofern repräsentativ“, so die Künstlerin, „als fast alle Mahlzeiten auffallend unspektakulär sind. Keine Sushis, Kaviarhäppchen oder ähnliches. Der Vergleich der Mahlzeiten hat mich zu dem Schluss kommen lassen, dass die meisten dieser Menschen sich mit den gewünschten Mahlzeiten nochmals die Alltäglichkeit ‚einverleiben’ möchten. Vielleicht ist es gerade der Alltag, der im Bewusstsein seines sicheren Verlustes, eine große Bedeutung bekommt. Wenn jemand sich Cornflakes wünscht, erinnert er sich vielleicht an das jahrelang gelöffelte Kinderfrühstück, Hähnchen mit Kartoffelpüree lassen an das Ritual des familiären Sonntagmittagessens denken, etc.etc. Dieser Interpretation folgt dann auch die ‚Inszenierung' der Speisen in der Fotografie. Andere Mahlzeiten haben einen fast rituellen Charakter: Die Schale Joghurt, ein Apfel, ein Glas Orangensaft. Wie eine letzte Reinigung. Bitter finde ich das ‚final meal’ mit dem ‚chocolate birthdaycake’ mit einem bestimmten Datum drauf, welches auf eine nahestehende Bezugsperson, wie die Geburt eines Kindes schließen lässt. Genauso bitter auch der Hamburger, der auf Wunsch der Mutter für den Sohn geordert wurde. ... Bei der Auswahl habe ich versucht, die verschiedenen ‚Typengruppen’ der Essenswünsche wiederzugeben. Natürlich vergleicht man dann auch die Art des Verbrechens mit dem Menue. Davor versagt allerdings das Hirn."
Die Lebensmittel werden zu Stellvertretern, die einen Menschen charakterisieren. Das Individuum wird nicht definiert durch sein Konterfei, ein fotografiertes oder auch gemaltes Porträt, sondern durch seinen Essenswunsch im Angesicht des Todes. So alltäglich die gewählten Mahlzeiten sind und so sehr sie auch amerikanische Essgewohnheiten spiegeln, so individuell berichten sie über eine bestimmte Person. Die Bilder auf den Leuchtkästen fungieren als posthume Porträts der Delinquenten: Letztlich ist der Mensch das, was er isst.
Die Kästen sind bildgewordene Erinnerungen, Memoriale an Menschen, die längst verstorben sind. Unabhängig von allen Fragen nach der Legitimität der Todesstrafe, aber auch nach der Frage, wozu Menschen fähig sind – die in den „offender informations“ beschriebenen Verbrechen lassen einen schaudern – , ist Cavengs Arbeit ein Memento mori.
Ergänzt werden die Leuchtkästen, die mit Bild und Schrift arbeiten, durch Tondokumente.
Barbara Caveng hat die Leuchtkästen in einer gangartigen Raumsituation an zwei Wänden angeordnet und am Ende des Parcours erwartet den Museumsbesucher eine Tonstation, die einige der „last statements“ wiedergibt – keine Originalaufnahmen, denn die letzten Botschaften der Delinquenten werden von Gefängnismitarbeitern handschriftlich aufgezeichnet. Dennoch kann man sich der suggestiven Wirkung der Botschaften nicht entziehen. "You all brought me here to be executed - not to make a speech. That´s it." "Adios amigos, I´ll see ya´ll on the other side. I´m ready when ya´ll are." "I´m ready to be released. Release me." Die Stimmen sprechen von Hoffnung, Schuld, aber auch Unschuld, Sühne, Vergebung und Erlösung. Sie erzählen von Wut, Angst, Erleichterung, Gleichgültigkeit, Sarkasmus und konfrontieren uns scheinbar direkt mit den Delinquenten, die zu uns sprechen als seien wir ihre letzten Zeugen oder gar die Richter.
Barbara Caveng versteht ihre Arbeit nicht als politisches Statement gegen die Todesstrafe. Sie drängt den Betrachter nicht in eine bestimmte Denkrichtung oder zwingt ihm ein bestimmtes moralisches Urteil auf, im Gegenteil: Der Betrachter ist irritiert, widersprüchliche Emotionen stellen sich ein, die zwischen Schock und Faszination, zwischen Abscheu und Mitleid oszillieren.
Für Caveng selbst steht, wie sie feststellt, der Aspekt des menschlichen Scheiterns im Vordergrund. Wessen Scheitern, lässt sie ebenfalls offen: das Scheitern des Einzelnen oder das Scheitern der Gesellschaft?
MEMENTO MORI VICE VERSA
von Michaela Nolte Berlin, Oktober 2002
Mit Ingrimm und finster blickt sie drein: Betty Lou Beets, 48 Jahre alt, angeklagt der Morde an ihrem vierten und fünften Ehemann. Polizeifotos wirken ohnehin selten charmant, aber dieser Frau traut man den zweifachen Gattenmord ohne großes Zögern zu; wäre da nicht neben dem Protokoll der Gefängnisbehörde ein Leuchtkasten mit dem Bild einer Plastiktischdecke in altertümelndem Dekor, das eine ebenso beklemmende wie anrührende Leere ausstrahlt. Betty hatte keinen Wunsch, auch keinen letzten. Nüchtern wurde sie am 24. Februar 2000 mit einer Giftspritze hingerichtet.
Barbara Caveng hat aus den final meal requests von sechzehn Exekutierten ein Laboratorium komponiert, welches das Henkersmahl zum stillen Requiem für die Täter wie für die Opfer verdichtet. Jeder Beschreibung der Delinquenten und ihrer Taten ist eine Fotografie zugeordnet, die in Form von Stillleben die letzte Mahlzeit der Hingerichteten zeigt. Caveng rekurriert einen kunsthistorischen Bogen von den vielfältigen Darstellungen des Letzten Abendmahls über die Stillleben des 17. Jahrhunderts bis zum Wiener Aktionismus, dessen ritueller Einsatz von tierischem Fleisch in den 60er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts an einem der letzten gesellschaftlichen Tabus rüttelte. Wenngleich „Final Meals“ methodisch eher an die Archive Christian Boltanskis erinnert und auf die konkrete Materialität von Lebensmitteln sowie auf rohe Metaphern verzichtet, weckt die unmittelbare Zusammenkunft von Kulinarischem und Exitus eine Evokation, die den Gepflogenheiten des guten Geschmacks auch heute noch zuwiderläuft.
Der Mailänder Manierist Guiseppe Arcimboldo kreierte im 16. Jahrhundert seine schaurig-schönen Menschenbildnisse aus Früchten, Gemüse und Tieren. Caveng anthropomorphisiert das Essbare zwar nicht, doch im Sinne des geflügelten Wortes von Ludwig Feuerbach: „Der Mensch ist, was er isst“, werden die Fotografien zu fiktiven Dokumenten, in denen die Dramatis personae – die Mörder wie die Gemordeten – unweigerlich eine physische Präsenz annehmen. Die Realität der Akten und die Fiktion der Bilder gehen in einer gänzlich neuen Bildwirklichkeit auf, die Fragen von Schuld, Lust und Sühne in der kühnen Diskrepanz von Lebens-Mittel und Todes-Protokoll auf eine bitter-ironische Spitze treibt.
Über eine Länge von zwanzig Metern sind die identisch großen und farbigen Leuchtkästen mit den nüchternen Schwarzweißbiografien in regelmäßigem Abstand aufgereiht. Die symmetrische Ordnung und die Sachlichkeit der Installation erinnern an Raum- und Formuntersuchungen der Minimal Art. Caveng greift deren stilistische Klarheit auf, unterstreicht sie in der neutralen, grauen Farbgebung und geht im Rückgriff auf eine gleichsam abstrakte Realität über das rein Formelle hinaus. Hübsche Gedecke mit Cornflakes und Milchkännchen oder ein auf Spitzendeckchen servierter Erdbeer-Shake mit Käsetorte im Angesicht von Raubmorden; hedonistisch anmutende Menüs in mehreren Gängen flankiert von Sexualmorden. Selbst die klaustrophobische Enge der “Corridors“ von Bruce Nauman erscheint angesichts des Gangs durch diesen Todestrakt vergleichsweise angenehm. Der Besucher wird für den Moment zum “Dead Man Walking“, der harmlos anmutenden Stillleben und sachlich verfassten Hinrichtungsprotokollen gegenüber steht. Vier Quadratmeter messen die Todeszellen in US-amerikanischen Gefängnissen und Caveng lässt die Enge eines Lebens im Angesicht des Todes, der Täter ebenso wie der Opfer, körperlich spürbar werden. Der reale Kunstraum bietet gleichsam einen Schutz, wo im Zwiegespräch mit dem Grauen - der Taten wie auch der institutionalisierten Todesmaschinerie - sich plötzlich das ureigene Selbst spiegelt.
Ein leuchtend grüner Apfel vor einem flirrend lebendigen Hintergrund begleitet den Bericht über Russel James. Im Alter von 23 Jahren war der schwarze Musiker für einen Raubüberfall zu einer Gefängnisstrafe von 50 Jahren verurteilt worden. Drei Jahre später wurde er für schuldig befunden, während eines Freigangs den Zeugen der ursprünglichen Straftat in einem Wald erschossen zu haben. Der Leuchtkasten bringt Vorurteile und (vorschnelle) Urteile gleichermaßen ins Wanken. Unschuldig und paradiesisch wirkt der Apfel, wie gerade vom Baum der Erkenntnis gefallen, ein künstlerisch perfektes Tableau und schön anzusehen.
Die Arrangements auf den Fotografien versprühen den biederen Charme von Schulkochbüchern aus den 60er-Jahren. Die Speisen, adrett und penibel drapiert, lassen auf ein ebenso schlichtes wie ordentliches Dasein schließen. Dabei endet jede der Chroniken mit dem Tod - wie das ganz gewöhnliche Leben auch. Caveng visualisiert nicht die Sehnsüchte und Freuden kulinarischer Genüsse wie es dem klassischen Stillleben eigen ist, das selbst im Nature morte ein sublimes Memento mori erweckt und heutzutage längst von der Verführungskraft der Fotografie und insbesondere der Werbefotografie abgelöst wurde. Zwar erscheinen die Kompositionen auf den ersten Blick appetitlich und kleinbürgerlich nett, doch die formal strengen und unterkühlten Aufnahmen verweisen mit ihren einfachen Attributen zugleich auf die soziale Herkunft der Täter. Gerade der Identität stiftende Aspekt von Nahrungsmitteln und die Komponente des Erhalts biologischer Körperfunktionen entfalten im gedanklichen Moment zwischen humaner Geste und vollstreckendem Akt das profunde humanistische Scheitern.
Mag manch einer der Künstlerin einen gewissen Zynismus ob der bunten Bilder neben den rabenschwarzen Fakten vorwerfen, so wird dieser Zynismus nur von der Realität selbst überboten. Larry Wayne White wünschte sich zu Leber mit Zwiebeln, Hüttenkäse und Tomaten eine letzte Zigarette. Doch im Todestrakt sind Zigaretten polizeilich verboten, denn: Rauchen gefährdet die Gesundheit. Delbert Boyd Teague jr. aß erst auf Drängen seiner Mutter vor der Hinrichtung einen Hamburger. Der absurde Antagonismus von letzter Fürsorglichkeit und bewusst herbeigeführtem Tod evoziert einen Raum der Stille, der den sprichwörtlichen Apfel im Halse des Betrachters stecken bleiben lässt. Von den Debatten in Amerika um öffentliche Exekutionen als Medienereignis ganz abgesehen.
In diesem Spannungsfeld provoziert Cavengs Installation ein totales Schweigen, das nur von den letzten Worten der Todeskandidaten gebrochen wird. Doch auch hier herrscht in der Formelhaftigkeit der Statements eher Sprachlosigkeit vor. Während Joseph Beuys Lebensmittel im Sinne der Transsubstantiation als Zeichen für Energie und Nährwert aufgefasst hat, setzt Caveng Früchte, Joghurt und T-Bone-Steaks in einem wahren Endspiel ein. Die eindrückliche Kraft der „Final Meals“ geht von ihrer Luzidität und Unaufgeregtheit aus. Aus dem Wunsch des letzten Mahls, dessen Ingredienzien auf den Protokollen vermerkt sind, hat die Künstlerin ein posthumes Porträt inszeniert, das bei aller Empathie stets unparteiisch bleibt, Emotionalität ebenso vermeidet wie vordergründige Betroffenheit. Die Spannung zwischen Gefängnisprotokoll und Bild gewordenem Henkersmahl eröffnet Geschichten fernab vom Boulevard oder voreingenommenen Meinungen, die ein Gut oder Böse gleich mitliefern. Caveng lässt den Betrachter in diesem irritierenden Zusammenklang von Tod und Leben, von Nahrung und Konsum - mithin auch Kunstkonsum - mit den puren Fakten allein, sich selbst ein Bild zu machen.